Zum Anfang eine Kurzgeschichte : ‚Die Maske‘

Eine Geschichte von heute

Die Maske

Der junge, arbeitslose Waise stand mitten auf der hohen Brücke der großen, grauen Stadt – eine sehr menschenfeindliche Stadt. Dennoch wohnten unzählige von Menschen in ihr. Deswegen war der Fluss wohl auch so verdreckt.

Verkrampft starrte der Junge auf die kranke, pechschwarze Wassermasse.

„Hallo Sie da!“, rief eine dünne Stimme. Auf der Brücke war kein Verkehr, dafür aber in der Stadt.

„Das dürfen Sie nicht, Sie.“ Ein Mädchen kam keuchend angelaufen. Halbwütend, halb erschrocken starrte der Junge sie an.

„Hau ab!“, zischte er.

„Aber das dürfen  Sie nicht tun.“

„Verschwinde, Schlampe!“

„Also hören Sie, sehe ich so aus?“

„Das sagen alle. Zieh Leine. Ich will meine Ruhe.“

„Sie dürfen nicht springen.“

Der Junge verzog die Mundwinkel.

„Was geht dich mein Leben an?“

Das Mädchen stutzte.

„… aber…“

„Weil du Geld willst, wie alla anderen auch. Aber von mir kriegst du keins. Niemand bekommt mehr welches von mir. Basta.“

Das Mädchen wollte erneut auf ihn einreden.

„Halt die Klappe. Ich mache keine Geschäfte, such deine Opfer woanders, aber lass mich in Frieden.“

„Nicht bevor Sie die Brücke verlassen haben.“, erwiderte das Mädchen fest. Der Junge seufzte ergeben und ging. Er hatte keine Kraft für ein größeres Wortgefecht. Schließlich hatte er seit Tagen nichts mehr zum Essen gehabt. Das Mädchen folgte ihm im größeren Abstand. Er sah abgerissen und kaputt aus. Der Junge ging ohne sich umzudrehen auf das hektische Treiben in der grauen Stadt zu. Sie blieb stehen und rief:

„Und bevor Du das nächste Mal Selbstmord machen willst, sprich mit der tauben, blinden Bettlerin.“

 

Ist gut und bleib mir vom Leib, dachte er, mit einer Tauben sprechen – hirnrissig.

Und er ging in Richtung ‚Heim‘. Eine modrige Seitengasse mit ein paar alten Pappkartons. Noch hatte ihn keiner gesehen und fortgejagt  – Glück.

Es war ein weiter Weg. Die Stadt war groß und die Gasse las in einem entfernten Außenbezirk. Müde schleppte er sich die letzten Meter hin.  Jetzt einschlafen und nie wieder aufwachen, was war sein Wunsch.

Doch bald wurde er hellwach, als er bemerkte, dass bei den Kartons eine zusammen gekauerte Gestalt saß.

„Wer ist da?“, fragte der Junge schwach.

„Ich“, krächzte eine unwirklich klingende Frauenstimme.

„Ah ja, wer ist ‚ich‘?“, erschöpft lehnte er sich an die Wand und konzentrierte sich auf die Gestalt.

„Du bist müde Kleiner. Setz sich her. Du wolltest dich von der Brücke stürzen?“

Der Junge setzte sich außer Reichweite der Alten.

„Erst will ich Ihren Namen wissen.“

„Natürlich.“ Sie kicherte ältlich.

„Viele nennen mich die taube, blinde Bettlerin.“

Trotz seiner großen Müdigkeit glaubte der Junge, Verwunderung zu spüren.

„Aber ich bin nur taub, wenn ich bettele, wegen der Polizei.“ Sie kicherte wieder.

„Aber woher wissen Sie, dass ich …?“

„Das Mädchen hat es mit erzählt. Und wie ist dein Name, hm?“

„Hab‘ keinen, will auch keinen.“, murmelte er.

„Wozu, frag ich Sie? Bin arbeitslos und somit mittellos. Eltern habe ich nicht. Hilft mir da ein Name?“

„Du wolltest dich umbringen. Verständlich. Hunger hast du wahrscheinlich auch.“

„Haben Sie etwas zu essen?“, fragte er gierig. Sie kramte irgendwo und gab ihm ein älteres Wurstbrot. Hastig schlang er es hinunter. Der Junge wollte im schwachen Licht das Gesicht der Alten ausmachen, jedoch der Schatten der Kapuze verbarg sie gut.

„Nun überleg mal, nach Selbstmord wärest Du echt tot.“, begann sie.

„Das weiß ich.“

„Und gibt es keinen Halt für dicht?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, ich bin fertig.

„So? Hätte das Mädchen dich nicht von der Brücke gejagt, so hättest du jetzt kein Wurstbrot.“ Der Junge stutzte – das stimmte. Die Alte hüstelte.

„Du hast doch auch Freunde?“

„Oh ja, feine Freunde, die nur betrügen, ausbeuten, heucheln. Ich kaufte mir einen Job – nach wenigen Tagen flog ich – ohne Geld. Dann waren diese Schnepfen da. Leichtgläubig meinte ich immer, ich hätte eine Freundin – nur wollten sie nicht mich, sondern mein Geld. Alle wollten es, und sie saugen es aus ihren Opfersn, bis diese keins mehr haben. Dann lassen sie den wehrlosen Rest fallen.“

„Du dachtest, auch das Mädchen auf der Brücke wollte dich ausbeuten.“, murmelte die Alte.

„Herrje, ja. Wie sollte ich wissen, dass sie nicht schlecht ist. Die ganze Welt ist schlecht, warum?“ Der Junge schrie fast.

„Ja, du glaubst, alle wären schlecht. Denn die Guten verbergen sich, und man könnte sagen, sie tragen Masken.“

Mutlos ließ der Junge seinen Kopf hängen.

„Beinahe dass ganze weltliche Geschehen ist ein Schauspiel. Die Menschen bauen sich Masken, um das Ich zu verstecken und nicht auszufallen. Es ist schon seit Urzeiten so – der Stärkere überlebt. Knallharte Typen können sich durchbeißen,  die anderen tun denen gleich.“

Der Junge ah auf.

„Du meinst, ich könnte besser dastehen, wenn ich nicht zeige, was ich denke?“

Sie räusperte sich.

„Wenn’s ums nackte Überleben geht, natürlich.“, krächzte sie.

„Echt blöd, wofür gibt es diese Vorgaukelei?“

„Vielleicht weil so viele Menschen eng zusammen leben müssen. Wenn sich alle ähnlich verhalten, ist alles ungefähr geordnet und überschaubarer.“

„Ich will mich aber nicht hinter einer Maske verstecken.“, erwiderte er trotzig.

„Dann geh ins Kloster oder lebe als Eremit. Aber ich glaube kaum, dass du dafür ein Typ bist.“ Ihre Stimme klang auf einmal hell. Schnell hustete sie. Der Junge nickte.

„Dann sehe ich keinen Ausweg.“, brummte er.

„Geh weg von hier. Auf das Land vielleicht.“, schlug die Alte vor. Es entstand eine Pause, der Junge überlegte.

„Sie haben es gut. Sie brauchen keine Maske.“

Die Alte lachte.

„Glaubst du? Und warum?“

„Na, Sie sind schon alt und weise.“

„Ja, einem alten Menschen wird oft mehr Glauben geschenkt als einem Jüngeren. Auch eine uralte Gesetzmäßigkeit. Aber du irrst. Halb verhungert und zornig ist es dir nicht aufgefallen. Denn auch ich trage vor dir eine Maske. Ich bin weder alt noch weise, sondern die von der Brücke.“

Sie zog die Kapuze ab und sah den Jungen forschend an. Dieser wich überrascht ein Stück zurück.

„Verstehst du jetzt?“

Ihre Stimme war heiser geworden. Der Junge nickte.

„Und woher wusstest du alles?“

„Du wirst lachen, aber meine Eltern arbeiten in einer sozialen Organisation ‚Hilfe für Familien und Alte‘. Nun ist uns aufgefallen, wie viele Jugendliche die gleiche Hilfe benötigen – wie du. Nur viele von denen wollen sich nicht helfen lassen. Sie sagen, sie würden keine Almosen brauchen. Nun da müssen wir sie eben überlisten.“

Der Junge lachte.

„Clevere Idee.“

„Und was machst du jetzt?“, fragte sie. Er zuckte mit den Achseln.

„Ich sollte vielleicht wirklich als Lehrling aufs Land gehen …“

„Oder sprich mit meinen Eltern. Du könntest an dieser Organisation mitarbeiten – und Geld verdienen. Lesen und Schreiben kannst du doch, oder?“

Der Junge nickte.

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2 Antworten zu Zum Anfang eine Kurzgeschichte : ‚Die Maske‘

  1. Mikkai schreibt:

    Hier mal die Adjektive in den ersten Sätzen:
    junge, arbeitslose,
    menschenfeindliche, unzählige,
    Verkrampft, kranke, pechschwarz.

    Ich fühle mich, als ob ich Vorspeise esse habe, aber Hauptgang verdaue.

    Das macht den Text nicht markant, sondern öde.

    Das Ende zögerst du raus, obwohl es schon vorher da war. Es beginnt mit dem belehrenden Absatz “Du wirst lachen…”
    Da wird zu viel erklärt.

    Als ob einen suizidalen Menschen das Gesagte des Mädchens beeindruckt, vielmehr könnte er sich noch eher in den Tod stürzen.

    Jostein Gaarder schreibt ähnlich langweilig. Kennst du bestimmt.
    Also wirst du sicherlich deine Leser finden.

    Ciao.

    • steffeinhorn schreibt:

      Jo, im Anbetracht der Tatsache, dass es Mädel von 15 Jahren war, die das zum Wettbewerb vom Ravensburgerverlag geschickt hatte – mit Genehmigung des braven Deutschlehrers erlaube ich mir den Vergleich mit Jostein Gaarder 😉 Merci!

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