Ein Leben geht zu Ende – ein Lied wird geboren : Mô nin nin

Ein Leben geht zu Ende, wie ist das eigentlich? Sind wir denn überhaupt in der Lage, einigermaßen zu verstehen, was das bedeutet? Ich möchte auf keinen Fall sagen, dass wir es früher besser wussten, denn wer von uns war denn dabei? Nur weil in unserer Geschichte der Tod gegenwärtiger war, bin ich mir nicht sicher, ob wir mehr davon verstanden. Vielleicht erleben Menschen, welche dem Tode nahe standen, den Geschmack des Lebens intensiver? Wer weiß …
Ich habe die Angst der Erwachsenen miterlebt, weil sie einfach nicht akzeptieren wollten, dass ein altes Leben sich dem Ende zu neigte. Angst vor dem Unbekannten und vor dem Loslassen, der Gewissheit, dass die vergangenen Momente tatsächlich der Vergangenheit angehören. Eine Mutter stirbt! Ihre fünf Kinder sind in dem Alter meiner Eltern und versuchen sich zu fangen.
Ihr Leben war von unglaublicher Bescheidenheit, dennoch übte sie eine unbestechliche Kraft auf ihre Mitmenschen aus. Kann sich eine moderne Frau überhaupt ein Leben wie das ihre vorstellen? Sie ging so gut wie nie raus, nur um Einkäufe zu erledigen oder in die Kirche zu gehen, so lange sie das noch konnte. Ihre Arbeit beschränkte sich in ihrer Wohnung. Sie hatte keine Ansprüche auf Skiurlaub oder auf Kreuzfahrten im Mittelmeer, Abendkurse, Shopping, usw. Sie war für ihre Familie und die Kinder da, denn ihr Job bestand darin, kleine Kinder zu versorgen, damit moderne Frauen arbeiten konnten, damit ihre Töchter sich ihre Scheidungen überhaupt leisten konnten… Ein regelrechter Lückenbüßer, der sich nie beklagte… wenn man ihr Blumen schenkte, freute sie sich riesig und meinte nur, dass es nicht nötig gewesen wäre. Sie verstand es, aus wenigen viel zu machen, löste abgetragene Wollsachen auf, um neue Klamotten daraus zu stricken, jeder Knopf, jede Nadel wurde irgendwo aufbewahrt. Keiner verstand es Hasen und Hühner so zubereiten wie sie. Ich gebe mir Mühe, Kartoffelbrei und Apfelkuchen so zu zubereiten, wie sie es tat, weil diese Geschmäcke sonst verloren wären … die findet man in keinem Rezeptbuch.
Sie verstand es, nie die Geduld mit kleinen Kindern zu verlieren, vielleicht konnte ich diese Eigenschaft beobachten, weil ich sie nur im hohen Alter kennenngelernt habe.
Aus Nichts ein Imperium aufbauen….
Ich denke, das ist möglich, wenn ich mich an das erinnere, was ich gesehen und gehört habe. Ihre bescheidene Sozialwohnung war voll mit Büchern, sie las alles so lange sie noch konnte. Ihr verstorbener Gatte sprach nur mit guten Worten von ihr, wenn sie nicht anwesend war, sobald die beiden zusammen gewesen waren, mussten sie sich gegenseitig anstänkern.
Aber ich schweife ab. Ich versuche mich auf den jüngsten ihrer Söhne zu konzentrieren. Als kleiner Junge wollte er sie nie verlassen, sie beschützen, vor seinem Vater, vor der Brutalität der Welt, wobei er kein Wort in der Schule verstand und sich weigerte, sich in diese Muster einzufügen. Seine Flucht, seine Trauer führte ihn in die Musik. Mit einer Gitarre in der Hand komponierte er als Jugendlicher seine ersten Harmonien und Melodien, unverstanden und einsam, denn welche Musik wurde in dieser arbeitsamen Familie schon gehört als jene, die sie damals schon vom diktierenden Fernsehen und Radio serviert bekamen? Namen und Stars welche bereits wie Produkte mit einem Label verkauft und vom einfachen Volk respektiert wurden. Nur wer solche Namen trug, konnte verlangen, für sein künstlerisches Schaffen anerkannt zu werden. Das kleine, ungewollte Nesthäkchen, welches nichts in der Schule zustande brachte, sollte sich von der Musik lieber fernhalten …
Liebe und Familienverband können stärker als alle Unruhen der Welt sein, kaum zu glauben, aber so etwas gibt es heute noch.
Ich sehe im vergangenen Frühjahr die untergehende Sonne durch die staubige Fensterscheibe eines verbrauchten Krankenhauses und spüre die ewige Ruhe der schwachen, alten Person an meiner Seite. Wenn wir einander ansehen, verstehen wir uns ohne Worte, denn niemand kann in Worte fassen, was das Menschenleben überschreitet.
Zur Beerdigung versammeln sich alle Menschen, Leute, welche sich über Jahre nicht mehr gesehen haben, weil sie zu sehr mit ihrem Leben, ihren Aufgaben, ihren Verpflichtungen und Erwartungen beschäftigt waren. Wer war da, als die zarte Dame ihre letzten Jahre allein in ihrer Wohnung verbrachte? Wer hat ihr zugehört, als sie ihre Geschichten von ihrer Jugend erzählte, als sie ihren Bruder erzog, auf einem Bauernhof zu arbeiten begann und den Beruf als Kinderpflegerin erlernte, mir davon erzählte, wie wertvoll die Muttermilch für die schwachen, zu früh geborenen Kinder war, welche Mühe sich die Frauen gaben, diese Kinder zu versorgen, nach dem Krieg… All diese Geschichten habe ich hören können, ohne einen tadelnden Unterton, denn diese Person zeigte Verständnis für meine Vorlieben für ausgedehnte Wanderungen im Wald oder Ausreiten mit Pferden. Es war nicht einmal ein Problem für sie, mir zu Weihnachten ein Comics aus meiner Lieblingsserie zu schenken. Offenheit und Neugierde von einer Person, die nie ihre Gegend und sehr selten ihre Wohnung verlassen hat. Wo ich umgeben bin von Menschen, die die Welt bereist haben und sich über jedes Detail, welches nicht in ihr Verständnis passt, aufregen…
Vielleicht weil ich eine Fremde war…
Denn ihr eigener Sohn erzählte nie von seinen Träumen, von seinen Werken, seinen Ideen, dazu kam es später, ein Lied für eine verstorbene Mutter – Mô nin nin. Ein vom kleinen Kind geschöpftes Wort, ein Kosenamen für seine Mutter, welches vorher niemand kannte außer dem Kind und seiner Mama. Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass so ein Lied in Vergessenheit gerät, denn es erzählt eine Geschichte, welche andere vielleicht auch kennen, oder gerne kennen würden.
Ganz gleich aus was unser Leben bestehen mag, welche Kämpfe wir bestehen müssen, irgendwann war jeder Mensch einmal klein, ganz klein und völlig hilflos, auf eine Mutter angewiesen, um zu überleben. Ich finde es großartig, wenn ein Mensch in der Lage ist, diese Tatsache im Erwachsenenalter nicht zu vergessen. (Man stelle sich die ernsten, kalten, unnahbaren Personen in knallharten Businesscentern vor … einmal waren sie klein und zart und unverdorben … wie dieser kleine Junge, der diese Eigenschaft sein Leben lang nicht aufgeben wollte und seine Mutter Mô nin nin nannte…)
Hier ist keine Rede von schwammigen Gefühlen, sondern einer versteckten Kraft, die oft nicht wahrgenommen wird, die wir vergessen wollen, weil niemand sie kaufen kann … die aber lebenswichtig ist. Wahrscheinlich verstanden Menschen wie meine verstorbene Schwiegermutter oder meine Großmütter, welche ihr in Vielen sehr ähnelte, das Leben zu arrangieren mit Tugenden, die Menschen aus Krisen helfen – ohne dergleichen sind wir keine Menschen mehr und wahrscheinlich ziemlich verloren.
Also, weiter geht’s im Lebenslauf – MÔ NIN NIN …

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