Es macht mich zornig …

Es macht mich zornig …

… mich damit abfinden zu müssen, dass wir uns kaum weiterentwickelt haben.

                                                                                                                                                                               Früher, im späten Mittelalter und auch danach, waren die meisten denkenden Menschen davon überzeugt, dass das einfache Volk keine Gefühle wie Liebe, Sehnsucht nach etwas Größeren, Tiefsinnigeren empfinden könne …

Im Grunde hat sich kaum etwas geändert. Ich stelle mir gerade zwei Situationen vor, um das deutlich zu machen. Man nehme eine ordentliche Hausfrau zum Beispiel, welche sich schweren Herzens dafür entschieden hat, ihren schlecht bezahlten Beruf aufzugeben, um die Kinder Mittags von der Schule abzuholen und für deren Erziehung da zu sein. Ihr ganze Leben wird vom Rhythmus einer mittleren, schlechten Schule bestimmt, ihre Kinder werden zu Jugendlichen heran wachsen und sich nur noch wünschen, von Mutti in Ruhe gelassen zu werden.

Aber es hätte sich nun mal nicht gerechnet mit den anstehenden Unkosten von Babysittern und Schulspeisung, wenn sie im Beruf geblieben wäre. Der Vater muss mit seinem ebenfalls knappen Gehalt die gesamte finanzielle Verantwortung tragen – ich denke, ich beschreibe ein Schema, welches mehr als nur einem bekannt ist. Und nun kommen wir zum springenden Punkt. Man stelle sich die Reaktion der Nachbarn, Freunde und Bekannten vor, wenn dieses Musterbeispiel von Ehepaar auf einmal seine Vorliebe für Libertinage bekennen würde, oder Frau X auf einmal das brennende Bedürfnis verspüre, abstrakte Ölgemälde herzustellen und eine Vernissage zu veranstalten. Oder Herr Y, ihr Ehemann, seine Jugendkonflikte mit seinem Vater in Form eines Buches herausbringen wollte – oder, vielleicht wolle er lieber eine aktuelle Oper komponieren….

Nein, solche Leute dürfen Yogakurse besuchen, damit sie sich beruhigen, um schön artig weiter zu funktionieren und ihr bisschen Geld den obersten Zehntausenden zur Verfügung stellen. Denn allein dafür sind sie gut, mit zwei drei Kindern im Anhang wird ein Besuch im örtlichen Kino zum absoluten Highlight ihres Lebens.

Ach ja, ich vergaß die Möglichkeit von Kirmesfeiern, Chorälen, und Tupperware!

Internet, Radio und Fernsehen sorgen dafür, dass solche Menschen schön an ihrem Platz bleiben und sich ihres Amateurstatus bewusst bleiben. Wenn man zu dieser Sorte Menschen gehört und in der vorgeschlagenen Palette nichts für seinen Geschmack findet, bleiben einen noch Medikamente und das Kaufen von Pseudolehren mit dem Motto ‚wie lerne ich Glücklich sein‘.

Wenn jetzt Madame Sowieso aus gutem Hause mit finanzieller Unabhängigkeit und dem nötigen sozialen Potential sich zu ihren sexuellen Extravaganzen bekennt, wird das eventuell ein Scoop, aus dem sie vielleicht, wenn sie intelligent genug ist, ein Buch oder ein modernes Theaterstück werden lassen kann. Ihre Liebhaber und Ehemänner kontrollieren das Business von Filmen, Büchern und anderen mächtigen Medien – es ist also keine Schwierigkeit, jedes Gefühl der obersten Zehntausende zu vermarkten und den entsprechenden Gewinn abzusahnen.

Wozu waren die Revolutionen in unserer Vergangenheit gut, wenn wir uns heute freiwillig zurückentwickeln?

Da fällt mir die traurige Geschichte einer Frau ein, welche 1968 jung war, sie träumte von Literatur, studierte  mit ihrer Schwester an der Sorbonne und wollte in einer Bibliothek arbeiten …. Dann kam eine Heirat, zwei Kinder, Scheidung, Sozialwohnung und ein unsicherer, schlechtbezahlter Job, um wenigstens die Kinder bei sich behalten zu können, sie nicht ins Haus der neuen Frau schicken zu müssen. Ihre Schwester ist mittlerweile auch geschieden und dem Alkohol verfallen …

Vor ein paar Jahren schenkte sie mir eine wunderschöne gebundene Ausgabe von Don Quichotte, drei Bände von einem Verlag, den es heute nicht mehr gibt … beim Ausmisten in ihrer Wohnung hatte sie an mich gedacht und mir diese kleine Kostbarkeit überlassen. Sie weiß, dass ich noch lese, dass ich noch schreibe. Sie hat es längst aufgegeben, sie liest keine Bücher mehr, sie ist nur froh, wenigstens einen Job zu haben …

Ja, damit können wir blöden Mittelklässler uns zufrieden stellen!

Kürzlich hat mir eine junge Erbin von einem mächtigen Familienvermögen gesagt, dass die einfachen Leute ja gar keinen Geschmack haben können, weil sie sich keine schönen Dinge leisten können – ich hätte sie ohrfeigen können…

Jedes Lied meines Lebensgefährten, jeden Text, jede Zeile, die ich schreibe, sind mir wertvoll, denn sie zeugen davon, dass ich noch am Leben bin. Die Meinungsfreiheit der Mittelklasse darf nicht gehemmt werden, denn unsere Gefühle sind nicht weniger wert. Unsereins ist nicht exotisch oder hat etwas Schreckliches erlebt, um von den Oberen angehört zu werden – aber deswegen sind wir nicht weniger Mensch…

So –  ‚l’éspoir fait vivre‘ wie es in Französisch so schön heisst! Dank einer unglaublich hartnäckigen, arbeitswütigen, entschiedenen Verlegerin, Marinella Charlotte van ten Haarlen, dürfen unsere Werke das Licht erblicken. Jetzt wird es erst richtig interessant und wir stürzen uns mit dem Kopf zuerst in ein neues Abenteuer !

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