Ein Kuss ist wie ein Versprechen!

(Ein ‚Abzweig‘ aus dem 8. Kapitel aus den Legenden aus Merim)

Aus der traumlosen Dunkelheit weckten ihn sanfte Berührungen an seinem Gesicht. Sein Schädel dröhnte, über seiner Stirn pochte der quälende Schmerz einer offenen Wunde. Es mussten zarte Frauenhände sein, die sich um seinen Kopf kümmerten und behutsam seine Verletzung versorgten. Sie stellte sich bemerkenswert geschickt an, denn sie war in der Lage, seine Schmerzen zu lindern.
Ellwynns Mund war ausgetrocknet, er bemühte sich, seine Worte zu finden, versuchte seinen Gaumen zu befeuchten bevor er mit rauer Stimme verlauten lies:
„In dieser Nacht habe ich versagt …“ Die Frau, die sich um ihn kümmerte, bedeutete ihm mit einem sanft zischenden Geräusch, sich ruhig zu verhalten.
„Ich schwor einst, mein Leben für ihn zu geben, seine Sicherheit hing einzig von mir ab. Nun habe ich meinen Schützling endgültig verloren.“Er öffnete langsam seine schweren Augenlider und brauchte eine Weile, um etwas im Morgenlicht erkennen zu können. Schließlich zeichnete sich aus den verschwommenen Schemen das wunderschöne Gesicht seiner Pflegerin heraus. Sie lächelte ihm wohlmeinend zu und reinigte das blutgetränkte Tuch in einer Schüssel mit klarem Wasser.
„Dann haben wir etwas gemeinsam“, fügte sie hinzu, wrang das Tuch aus und näherte sich erneut ihren Patienten. Dabei vermochte er, sie genauer zu betrachten.
„Wie kommt es, dass ich von einer Bréschèniadame gepflegt werde?“, erkundigte sich Ellwynn, woraufhin sie lächelte.
„Mir ist mein Schützling auch seit Tagen abhandengekommen. Also pflege ich verletzte Krieger. Doch einer einfachen Frau wie meiner Wenigkeit kann der Krieg nur zuwider sein.“
Ellwynn schloss die Augen und ließ sich genießend ihre Fürsorglichkeit gefallen. Ein außerordentlich angenehmer Duft ging von ihr aus, ihre Hände waren warm und ihre Stimme sanft wie Samt.
„Eine einfache Frau redet so nicht! Es könnte Euch Probleme bereiten, wenn jemand von Euren Leuten bemerkt, dass Ihr Elbenkrieger pflegt“, sprach Ellwynn leise und bedacht, denn ihre gute Nähe sollte so lang wie möglich andauern. Nichts konnte in diesem Moment heilsamer sein, als die zärtliche Nähe einer schönen Frau.
„Ich bin einfach genug, um keine Meinung im Ablauf des Krieges abgeben zu können. Doch kann ich mich um einen großen Ritter kümmern, der ein beschwichtigendes Wort für den Elbenkönig finden kann.“
Jetzt blickte Ellwynn ihr direkt in ihre nahen Augen, stahlblau, von dichten Wimpern umrahmt, strahlend vor gütiger Weisheit und wohlgemeintem Verlangen.
„Also ist Eure Fürsorge mir gegenüber nicht ohne Interesse“, stellte er raunend fest, woraufhin sie ihre Augenlider senkte und lächelte.
„Kann es von einer Frau in meinem Alter anders zu erwarten sein?“ Sie setzte sich schließlich dicht neben den Krieger auf den Waldboden, seine Wunde hatte aufgehört zu bluten, in ein paar Augenblicken würde sie eine heilende Salbe auftragen können. Sie mochte sein Gesicht, in dem Erfahrung und unzählige Geschichten zu lesen waren.
„Während meiner Wartezeit kann ich nicht untätig bleiben. Ich bin die Kammerzofe der Prinzessin, doch zu diesem Zeitpunkt pflege ich ihr verletztes Gefolge. Nach eurem glorreichen Angriff in unseren Wäldern sind beide Armeen zerborsten. Es wird Tage dauern, bis sich die Überlebenden versammeln können. Auf meinem Streifzug durch Merimbin ich auf dich gestoßen. Deiner Rüstung nach zu urteilen, verfügst du über einen hohen Posten in der Armee der Elben. Wahrscheinlich bringt es mehr für den zukünftigen Frieden ein, wenn ich dir dabei helfe, wieder auf die Beine zu kommen, als dich deinem Schicksal zu überlassen.“
Ellwynn trank ihre Worte von ihren weichen Lippen und schenkte ihr ein ergebenes Lächeln. Entschieden kramte sie in ihren Utensilien und fuhr mit ihrer Pflege fort. Sie genoss ihre neue Aufgabe, in der Nähe eines verletzten Recken war alles einfach und klar, selbst wenn ihr Herz in seiner Nähe wild wie das eines jungen Mädchens trommelte. Sie nutzte diese notwendige Möglichkeit, sich so einem Mann zu nähern, der unter anderen Umständen ihre Person nicht beachten würde. Nachdem sie sorgfältig die Wunder versorgt hatte und ihm ein stärkendes Getränk reichte, berührten seine Hände die ihren. Unter den Bäumen Merims, verborgen vor den richtenden Augen anderer, war es natürlich, Herzen sprechen zu lassen. Sie vernarrte sich in die dunklen Augen des Elben und lächelte schelmisch.
„Ich bin bereit alles zu tun, was in meiner Macht steht, um Männer wie dich vom Frieden zu überzeugen“, bekundete sie leise und bedeutungsschwer. Ellwynn erwiderte ihr wissendes Lächeln, das würzige Getränk breitete sich wohl in seinem Köper aus, er lehnte seinen Kopf an den Baumstamm, gegen den er gestützt saß, und atmete tief durch.
„Wie ist dein Name?“
„Mésoja.“

*

Mésoja packte mit präzisen Handgriffen ihr Bündel zusammen aber sie war nicht bei der Sache. Es war Zeit für Ellwynn zu gehen, es gab nichts mehr zu sagen. Kaum hatte er wieder zu sich gefunden und war auf die Beine gekommen, musste er wohl seinen Pflichten nachgehen. Die Pflichten rufen immer, keiner ist frei!
Mésoja presste ärgerlich die Lippen aufeinander. Was bildete sie sich auch ein? Männer verfügten über noch weniger Mut als Frauen, Regeln zu brechen. Und sie verstanden nur Frauen, die sich wie Nutten an ihren Hals warfen, um geliebt zu werden. Liebe, ein großes Wort für einfaches Verlangen, was vom Leben schon zu viel verlangt war. Lächeln, Pflegen und Träumen durfte sie, alles andere ging sie nichts an.
Wahrscheinlich wartete eine andere Frau irgendwo auf diesen großen Krieger. Eine Frau ihres Alters, gelangweilt vom alltäglichen Leben und uninteressanten Aufgaben. Eine Frau, der die Schönheit ihres Mannes nicht mehr bewusst war, die Müdigkeit des Alltags jeden Reiz abgestumpft hatte.
Eine Frau, die vielleicht im Laufe der Jahre fett geworden war, der er treu bleiben wollte… zornig zerrte sie das Bündel zusammen. Ja, sie mit ihren dünnen Armen und ihrer verdammten Bescheidenheit wurde nicht beachtet.

Ellwynn beobachtete die schlanke, tapfere Frau, wie sie eifrig ihre sieben Sachen zusammensammelte. Nun war es ihre Aufgabe, sich anderen Verletzten zuzuwenden. Andere Krieger würden ihr Wissen und ihre Hilfe brauchen. Er musste zusehen, auf dem schnellsten Wege den Wald zu verlassen und seinen Weg über die große Ebene zurück in das Lager der Elben zu gehen. Mehr konnte er nicht von ihr erwarten, aber er wusste genau, dass er geheim von ihren Lippen träumen würde. Bedanken musste er sich bei ihr, das war das Mindeste.
Sein Herz pochte heftig bis zum Hals, dabei hätte ihm übel werden können, als er schließlich ein paar Schritte zu ihr tat und sprach:
„Wir werden uns wahrscheinlich nicht wieder sehen. Ich mag es nicht versäumen, mich bei dir für deine Fürsorge zu bedanken…“ Er überlegte, suchte nach Worten.
„Es ist so lange her – mir scheint, ich habe jede Höflichkeit vergessen …“, murmelte er, woraufhin sie plötzlich herzlich lachen musste. Sie ließ ihren Sack liegen und richtete sich auf. Dabei wagte sie sich kaum, ihn anzublicken, als fürchte sie, er könne ihre schlechten, launischen Gedanken in ihrem Gesicht lesen.
Wie reizend ihre helle Haut im neuen Tageslicht schimmerte, einer reifen Frau, die es verstanden hatte, ihr inneres Feuer zu erhalten. Vielleicht waren es gerade ihre Jahre von Lebenserfahrung, die ihren Reiz anreicherten.
Er atmete tief und ernst durch, was könne ihm schon widerfahren, wenn er ihre Hand nehme und diese zum Abschied küsste? Sie war eine vornehme Dame, ausgewählt für ihren Takt und ihr Wissen, sich um die Prinzessin der Bréschènia zu sorgen.
„Ich danke Dir …“, flüsterte er behutsam als er ihre schmale, kräftige Hand zu seinen Lippen fuhr und sich bedächtig darüber beugte. Heißes Blut pochte in ihren Wangen, einfach bei der Berührung seiner Hand an der ihren, seine Lippen waren so warm, sie spürte seinen Atem auf ihren Handrücken. Ihr Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust als wolle es sich aus seinem Gefängnis befreien. Ganz leicht und sanft nutzte sie diese unverhoffte Gelegenheit, ihre Hand in der seinen umzudrehen und an seine Wange zu legen. Ellwynn blickte sie an, sie liebte es, die warme Haut seines Gesichts, seines nachwachsenden Bartes, die tiefe Falte an den Seiten seines Mundes zu fühlen. Was mochte dieser Mensch schon alles in seinem Leben gesehen haben?
„Du bist ausgehungert“, stellte sie leise aber bestimmt fest und streichelte sanft mit ihrem Daumen die Seite seiner wohlgeformten Nase. Sie lächelte freudig über ihren eigenen Mut. Ellwynn schmiegte sein Gesicht an ihre Hand, schloss kurz die Augen, es war so einfach, sich ihm noch ein kleines Stück zu nähern und seine Lippen zu küssen. Er antwortete ihr augenblicklich, behutsam und sacht als müsse er sich an ihre Nähe gewöhnen. Oder es störte ihn bereits sein elender Harnisch, der es ihm unmöglich machte, diese Frau in seine Arme zu schließen. Eine kalte, metallene Hürde, die menschenfeindlicher nicht sein konnte. Doch ein Kuss ist wie ein unausgesprochenes Versprechen, welches seinen eigenen Gesetzen folgte. Mésojas Finger verirrten sich in der klammen Wärme seines Nackens unter seinem Haar. Sie fühlte seine Ohren, seine Schläfen, seine Wangen, seinen kräftigen Hals und verstärkte den Nachdruck ihres Kusses, kostend und seine Antwort erforschend. Ihr Herz überschlug sich vor Freude über sein Erwidern und sie beobachtete heimlich seine nahen, geschlossenen Augen, sein vor Sehnsucht ergebenes Gesicht.
Ellwynns Hände suchten die Nähe ihres weiblichen Körpers, unter dem Stoff ihres Kleides konnte er ihre schlanke Taille fühlen. Wie gierig und gut ihre Küsse waren, er hätte nicht erwartet, an so einem Moment von einem leidenschaftlichen Frauenmund verwöhnt zu werden. Sollte sie doch tun, was sie wollte, allein mit ihren Lippen und ihren heißen Fingern in seinem Nacken erweckte sie sein brennendes Verlangen nach ihr.

„Du bist ebenso ausgehungert wie ich“, flüsterte er atemlos, als sie von seinem Mund abließ. Mésoja schlug wie ertappt ihre Lider über ihre glänzenden Augen und biss sich kurz auf die Unterlippe. Langsam ließ sie seinen Kopf los, ihr rechter Zeigefinger hängte sich am Rand seines Harnischs fest.
„Mit deiner Erlaubnis würde ich dir gerne helfen, deine Rüstung abzulegen …“ Sie brach ihren Satz ab, denn die Worte blieben ihr im Hals stecken.
„… damit ich dich in die Arme nehmen kann.“ ergänzte er lächelnd. Doch sie nahm ihre Hand weg und sprach:
„Du musst denken, ich würde mich jeden Mann an den Hals werfen.“
„Das ist mir gleichgültig“, raunte er, doch sie war sich nicht sicher, ob dies ein Kompliment war. Noch bevor sie einen Rückschritt tun konnte, umfasste er rasch mit beiden Händen ihren zarten Kopf und küsste sie abermals. Sie sollte spüren, wie es um ihn beschert war.

(…)

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Entracte I

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